
Eine
interaktive Videogeschichte bietet die
Installation HBO-Imagine der Time Warner-Tochter HBO, die den Kunden die Vorzüge des interaktiven Fernsehens vorführen soll, das hoffentlich nicht ebenfalls nur im Internet Explorer funktioniert: Zu sehen ist ein vom Betrachter drehbarer Video-Würfel mit vier Leinwänden. Die aktionsreiche Handlung kann von verschiedenen Perspektiven aus betrachtet werden, und tatsächlich entdeckt man jedesmal neue Personen, Gegenstände und kleine Handlungen am Rande, die beim ersten Durchgang gar nicht alle wahrnehmbar sind.
Emily Short, IF-Koryphäe und Mitglied des Inform7-Entwicklerteams, nimmt dieses Thema in ihrem jüngsten Blogbeitrag Analyse: Interaktives Erzählen und der mysteriöse HBO-Cube auf und erinnert an ein ähnliches Projekt. Die französische Multimediaproduktion Le Reprobateur (der Ermahner) erzählt ebenfalls eine interaktive Videogeschichte mit dem Problem, die Interaktivität auf den effektvollen Wechsel der Perspektive zu begrenzen. Die Handlungsmöglichkeiten erschließen sich dem Spieler oder vielmehr perspektivwechselnden Zuschauer nicht, er kann nur in verborgene Gänge hineinspechten oder einzelne Objekte, Personen, die kleinen Sub-Plots am Rande verfolgen. Sie sind lustig, machen für die Geschichte als Ganzes aber keinen Sinn - Emily Short sieht dies als Kardinalproblem des interaktiven Geschichtenerzählens überhaupt.
Denn auch hinter den kleinen Sub-Plots steht ein Drehbuch, ein Masterplan, der dem Zuschauer alias Spieler verborgen bleibt. Die Geschichte wirkt dadurch bizarr und unrealistisch, HBO-Imagine hat für Emily Short die Aura einer kompletten Nonsens-Produktion. Ihr Fazit als Anhängerin der interaktiv schreibenden Gilde: »Interactive storytelling still needs a game designer« – Wer interaktive Geschichten erzählt, benötigt einen Spieldesigner. Jemanden der eruiert, was Leser oder Spieler als nächstes tun wollen könnten. (Englisch.)